Wittenberg 1938, Aufnahme von Süden nach Norden, Richtung Alt-Posttal © Klara Bollinger
Wittenberg 1938, Aufnahme von Süden nach Norden, Richtung Alt-Posttal        © Klara Bollinger

Die Auswanderung der Wittenberger Kolonisten nach Preußisch-Polen 1782-1806. Die Weiterwanderung 1814-1822 nach Südrussland Bessarabien. Gründung der Kolonie Wittenberg 1815, Umsiedlung 1940 „Heim ins Reich“, die Flucht aus Polen 1945 und die Rückkehr in das Land unserer Vorfahren.

 

Mit Beginn meiner Ahnenforschung 1982, auf der Suche nach meinen schwäbischen Wurzeln, fand ich in den Kirchenbüchern der Orte im Schwarzwald immer wieder den Vermerk: „Mit den Eltern nach Preußisch-Polen, Polen oder Westpreußen gezogen". Nun stellte ich mir die Frage nach dem „Warum“ der Auswanderung nach Polen. Nur durch intensives Befassen mit der Geschichte konnte ich diese Frage lösen, und fand heraus, dass die Auswanderung nach Preußisch-Polen bereits 1781 hier in Württemberg begann.

 

Im Siebenjährigen Krieg, 1756-1763, standen württembergische Untertanen in Preußischen Diensten. Diejeni­gen, die sich während dieses Krieges bewährten, bekamen von Preußenkönig Friedrich II., der Große genannt,  

1712 - †1786, ein kleines „Gütlein“ als Auszeichnung zugewiesen.

 

Mit dem Tode des Sachsen-Königs August III.,   1696 -  1763, der gleichzeitig 30 Jahre König des großen Kö­nigreiches Polen war, entstanden große Streitigkeiten und jahrelange Machtkämpfe um den polnischen Thron. Daraus folgte 1772 die 1. Polnische Teilung. Ein großes Gebiet im Osten Polens ging an Russland, im Süden an Österreich und im Norden der kleinere Teil an Preußen. Für Preußen war durch den Zugewinn des Landes nörd­lich von Thorn somit der Landweg zum preußischen Ostpreußen gesichert. Preußen König Friedrich II. schickte Inspektoren in das neu gewonnene Land zur Besichtigung. Diese Inspektoren berichteten dem König von einem verwahrlosten Land, worauf Preußen König Friedrich gesagt haben soll: „Holt mir Schwaben ins Land und die Misere wird behoben sein“. Man kann annehmen, dass sich die mit einem „Gütlein“ ausgezeichneten Schwaben in Preußen sehr geschickt in der Landwirtschaft angestellt haben, und er die Schwaben zur Behebung dieser Mi­sere benötigte.

Der Wanderweg der Wittenberger Kolonisten nach Preußisch-Polen begann 1782 und endete 1806. In Potsdam wurden die angehenden Kolonisten registriert und in die zugewiesenen Gebiete verwiesen. Aus diesen Gebieten erfolgte ab 1814 bis 1822 die Weiterwanderung nach Bessarabien, das Land zwischen den Flüssen Dnjester und Pruth am Schwarzen Meer.

Die 1. schwäbischen Kolonisten kamen 1782 in das neue preußische Land in das Gebiet um Kulm, Kulmsee, Rehden und Briesen. Die Königliche Preußische Regierung setzte sie auf verlassene wüste Bauernhöfe und eben­solche Vorwerke. In den Dörfern Segartowitz, Struzfon, Domrowk[a]en, Cyste, Wrotzlawken, Selnowo, Lipin­ken, Lopatken usw. siedelten die ersten Württemberger mit preußischen Privilegien versehen. Das waren zwei bis drei Freijahre, Religionsfreiheit und die Befreiung vom Militärdienst für sich, die mitgebrachten Söhne und Gesellen. Die Befreiung des Militärdienstes war ein großer Antrieb der Bevölkerung in Württemberg zur Aus­wanderung nach Preußisch-Polen.

Die Karte aus dem Kulmer Gebiet, hier kamen ab 1782 die ersten württembergische Kolonisten an. Aus den den gelb mar­kierten Orten zogen viele Familien 1814 -1822 weiter nach Südrussland. Die verfilmten Kirchenbücher aus diesem Gebiet sind sehr ergiebig.

Zur gleichen Zeit herrschte hier in Württemberg Herzog Carl Eugen, 11.02.1728 in Brüssel - 24.10.†1793 in

Hohenheim. Nach dem frühen Tode seines Vaters, Herzog Carl Alexander, 1684 - 1737, strebte der württembergische Landstand (die Mitre­gierenden des Herzoglichen Hauses) an, den 12jährigen Knaben Herzog Carl Eugen zur Erziehung nach Potsdam zu Preußen König Friedrich dem Großen zu schicken. Durch die preußische Erziehung erhoffte man sich für Württemberg keine Rückkehr zum Katholizismus.

 

Denn das Land Württemberg war seit 1531/33 evangelisch. Nach der Rückkehr des Herzogs Ulrich von Würt­temberg, 1487 - †1550, aus seinem Exil in der Grafschaft Mömpelgard im Burgund, trat er mit seinem Land und seinen Untertanen der evangelischen Religion bei. Herzog Carl Alexander, der Vater Carl Eugens, konver­tierte unter seinem Freund und Kriegsgefährten, Prinz Eugen von Savoyen, wieder zur katholischen Religion. Mit der Heirat der katholischen Maria Auguste von Thurn und Taxis in Brüssel, war diese Familie wieder katho­lisch. In Hochachtung und Ehrerbietung an Prinz Eugen von Savoyen, dem Taufpaten seiner Kinder, bekamen alle seine fünf Söhne den zweiten Namen Eugen.

 

Mit der Mündigsprechung am 11.01.1744 durch Kaiser Karl VII., kehrte Herzog Carl Eugen vier Wochen vor seinem 16. Geburtstag aus Potsdam nach Württemberg zurück. Bei diesem Aufenthalt Carl Eugens in Potsdam sah und erlebte er eine Pracht in den preußischen Schlössern, die er sich für Württemberg auch wünschte. Fortan schraubte er die Abgaben hoch um Geld für seine Prachtbauten zu bekommen. Frondienste für seine Bauten und für die abgehaltenen Jagden mussten von seinen Untertanen geleistet werden. Er führte Zwangsrekrutierungen durch und verkaufte die Söhne seiner Untertanen nach Frankreich in den Kriegsdienst, um die Kasse zu füllen, welches ihm seine Untertanen sehr übel nahmen. Das alles summierte sich und brachte den Unmut seiner Unter­tanen zu Tage, die sich dann für die verlockenden Angebote aus Preußen erwärmten.

 

Nach dem Tode des Preußenkönigs Friedrich des Großen, bestieg der Sohn seines jüngsten Bruders August, als Wilhelm II.,  1744 –1797, den Preußischen Thron. Er hatte für die Kolonisation wenig Interesse. Doch dessen Sohn Wilhelm III, 1770 – 1840, forcierte wieder die Kolonisation durch Werbungen in Württemberg  und Ba­den zu den bekannten Privilegien, nachdem Polen durch die 2. Teilung 1793 und die 3.Teilung 1795 nicht mehr existierte.

 

In den Jahren 1781 - 1786, verließen 1200 bäuerliche Familien, mit einer Kopfzahl von 5000 Personen, das „reich gesegnete Wirtemberg", wie Fremde bemerkten, die durch Württemberg zogen, ihre Heimat. Nach Süd­preußen zogen ab 1799, 2135 Familien mit 10293 Personen und in den folgenden sechs Jahren zogen sogar das Siebenfache an Menschen, allein in diesen südlichen Teil Polens. In Polen angekommen, wurden sie erst einmal bitter enttäuscht. Es gab keine fertigen Behausungen für sie. In der Ansiedlungszeit vom 26. Sept. 1800 wird von der neu zu gründenden Kolonie Grömbach bei Lodz/Pol. berichtet: Sie hoben Erdlöcher aus und deckten diese mit Tannenreisig ab. Zwei bis 3 Familien fanden Platz in diesen Erdbehausungen. Ebensolche Erdlöcher hoben sie für ihr Vieh und ihre mitgebrachten Pferde aus, sie kamen mit Pferd und Wagen in Polen an. Die Auswanderung der ganzen Familie mit Pferd und Wagen über Land war um einiges gefahrloser als über den großen Teich nach Amerika. In noch größerem Umfang wanderten nach der 1848er Revolution die Menschen aus Württemberg  nach Amerika aus.

 

Unter der Regierungszeit Preußen Königs Wilhelm III. wurden ab 1799 neue Kolonien gegründet. Im Gebiet um Posen erhielten die Kolonien die Namen ihres ersten Schultheißen: Braunsfeld nach Joh. Jacob Braun, Blinsfeld nach Philipp Blin, Haugfeld nach Christian Haug, Morhardsberg nach Christian Morhardt, Rathenfeld nach Christian Rath, Sautersbrunn nach Jacob Sauter, Springberg nach Johannes Springmann, Sturmhof nach Johannes Sturm, Ulrichsthal nach Ulrich Theurer. Dazu noch Hellefeld, Heinrichsfeld, Ludwigsberg, Rosenfeld, Sachsen­feld, Wilhelmshorst usw. Diese Kolonien wurden allesamt durch Schwaben gegründet und haben heute polnische Namen.

Ab 1800 kamen die Gebiete um Lodz, Kalisch, Plock (Plozk) und Warschau herum dazu. Diese Kolonien erhiel­ten oft die Namen nach der Herkunft der schwäbischen Kolonisten. Nach ihrem Wegzug bekamen auch diese Kolonien polnische Namen. 

Die Schwabenkolonien im Lodzer Gebiet, deutch=polnisch: Effingshausen=Starowa Gora; Grömbach=Laznowska Wola; Ofterdingen= Michalow; Königsbach=Bukowiec; Wilhelmswalde=Borowo; Neu-Sulzfeld=Nowosolna; Friedrichshagen= Augustow; Hochweiler=Markowa, Grünberg=Zielona Gora; Kirschberg=Wisniowa Gora; Erdmannsweiler=Kochanow; Birkenfeld= Brozozwo; Neu-Schwedelbach=Mikolalew; Neu-Rönneberg =Wyrgozele; Neu-Württemberg=Tkaczewska Gora, dazu Wiskitno, Wiaczyn Gorny und Olechow.

Die Kolonisation in Polen dauerte bis 1806. Ab dieser Zeit bekam Württemberg durch Napoleons Gnaden einen König. König Friedrich I. von Württemberg,   1754 -  †1816, verbot sofort die Auswanderung. Er befürchtete, sein Land würde ausbluten bei dem Verlust an Menschen. In Polen entstand durch die Neugestaltung der territo­rialen Gebiete durch Napoleon I. ab 1807 wieder das Herzogtum Warschau. Alle preußischen Privilegien waren nun für die deutschen Kolonisten null und nichtig.

 

Als 1812 der große Russlandfeldzug Napoleons I. über das Gebiet Polens zweimal hinweg zog, durch den Vor­marsch der Franzosen und deren Rückzug mit der Verfolgung der Russen, hatten es diese neuen Kolonien sehr schwer. Menschen und Tiere mussten verpflegt werden, was für die Kolonisten nicht zu verkraften war. So kam der Aufruf im Herbst 1813 des Zaren Alexander I. von Russland,  1777 -  1825 (verschollen*), der selbst ein halber Württemberger war durch seine Mutter Sophie Dorothea von Württemberg,  1759 –  1828, der Schwes­ter König Friedrichs I. von Württemberg, zur Einwanderung nach Bessarabien den Kolonisten zur rechten Zeit. Er bot ihnen das 1812 von der Türkei neugewonnene Land zwischen den Flüssen Dnjester und Pruth, mit der Angrenzung an das  Schwarze Meer, zur Besiedlung an. (*„Moskau brennt“ von der Historikerin Nina Arkina, Seite 442: „Lord Cathcart und seine Jacht spielten in Kaiser Alexanders tragischem Schicksal eine große Rolle. Auf dieser Jacht flüchtete er 1825, nachdem seine Ärzte die Sterbeurkunde ausgefertigt hatten. Dokumente, die dies bestätigen, werden im Besitz der Familie Cathcart vermutet. Als der in der Peter-Pauls-Kathedrale beigesetzte Sarg im Jahre 1918 geöffnet wurde, zeigte es sich, dass er leer war.“)

 

Nach den großen Hungerjahren, 1816 – 1817, setzte die Auswanderung der Württemberger nach Südrussland ein, nachdem sie  König Wilhelm I. von Württemberg,  1781 -1864, wieder frei gegeben hatte. Ab dieser Zeit begannen die großen Wanderzüge gen Osten auf der Donau nach Kaukasien, wie es in den Kirchenbüchern ver­merkt ist. Die sogenannten Glaubenszüge der Separatisten.

 

Zar Alexander I. übernahm für die Ansiedlung in Bessarabien die Privilegien seiner Großmutter Katharina II., die Große,  1729 –  †1796, welche sie den ersten deutschen Siedlern 1763 an der Wolga gewährte: Religionsfrei- heit, Befreiung vom Militärdienst, Selbstverwaltung in deutscher Sprache, finanzielle Starthilfe usw. Aber­mals machten sich diese Schwaben 1814 mit ihren verbliebenen Habseligkeiten auf den langen beschwerlichen und entbehrungsreichen Weg nach Südrussland. Bei übertreten der Grenze zu Russland erhielten diese Einwan­derer sofort die russische Staatsbürgerschaft. Angeführt wurden die angehenden Wittenberger Kolonisten auf ih­rem Weg nach Bessarabien von Bernhard Bohnet,  1778 in Untermusbach und Martin Vossler,  1762 in Tunin­gen.

 

Auf einer baum- und strauchlosen Steppe Bessarabiens fanden sie weder Häuser noch Hütten bei ihrer Ankunft im Herbst des Jahres 1814 vor. Eine Parzelle in der Größe von 8280 Desjatinen, ein russisches Flächenmaß, ca. 8970 ha, wurde ihnen zugeteilt. Jede Familie erhielt 60 Desjatinen, ca. 65 ha. Im Taleinschnitt des Kirgis, grün­deten sie ihre Kolonie. Die Männer und älteren Kinder legten Hand an, sie hoben, wie seinerzeit in Polen, Erdlö­cher aus um eine Erdhütte für die Menschen und ebensolche Unterstände für die Tiere zu erstellen und deckten diese mit Schilf ab, um vor allen Unbilden der Natur geschützt zu sein. Schwangere Frauen und Frauen mit klei­nen Kindern durften in den umliegenden Dörfern bei den Moldowanern untergebracht werden, bis eine Unter­kunft geschaffen war und man sie im Frühjahr 1815 in die Kolonie holen konnte. Sie nannten die Kolonie „Mari­ental“, dann „Württemberg" nach ihrem Herkunftsland, im Volksmund sagte man „Wittenberg“. Einige Jahre später erhielt die Kolonie den amtlichen Namen Malojaroslawetz, nach dem Ort südlich von Moskau, bekannt durch eine erfolgreiche Kampfhandlung der Russen 1812 gegen die Franzosen. Offiziell werden 138 Familien genannt, welche die Kolonie gegründet haben. Nach meiner Zusammenstellung der Familien waren es einige mehr. Es waren überwiegend Familien aus dem Schwarzwald, der Baar und der Schwäbischen Alb.

 

Auszug aus der 1. Chronik Wittenbergs 1834, von Lehrer Johann Georg Kurz aus Burgstall/Württ.:„Das versprochene Land erhielten sie, aber die Unterstützung wurde ihnen von dem damaligen General-Gouverneur Harding kümmerlich gereicht; jede Wirtschaft* erhielt von der Krone 500 Rubel, während jeder Wirtschaft 1114 Rubel angerechnet wurden, die sie nach und nach an die Krone abbezahlen mußten.“ - Weiter ist zu lesen: „Im Jahre 1836 waren die Freijahre ganz zu Ende und nun mußten die Kolonisten dieser Kolonie gleiche Abgaben mit den Kronsbauern dieser Pro­vinz entrichten.“ * Zu einer „Wirtschaft“ gehörte der Hof mit den dazuge-hörenden Feldern.

Auch für die Schule errichteten sie 1816 eine Erdhütte. Als Unterrichtsmaterial dienten zum Lesen und Schrei­ben die Bibeln und Gesangbücher, die sie über Polen aus der Heimat mitgebracht hatten. - Weiter ist in der  1. Chronik zu lesen: „Im Jahre 1816 wurde auch gleich die Schule errichtet und in einer Erdhütte gehalten¸ und da kein Bethaus vorhanden war, wurde in der Schulhütte auch der Gottesdienst gehalten. Der erste Lehrer war der Kolonist Martin Vossler, als dieser am 7. Oktober 1816 starb, kamen an seine Stelle die hiesigen Kolonisten Johann Wolf­gang Mack und Gottlieb Rauschenberger, welche das Schulamt miteinander gemeinschaftlich verwalteten¸ ge­rieten aber bald in Streit, weil immer einer mehr gelten wollte als der andere, bis endlich Rauschenberger abtrat und Gebietsschreiber wurde, somit war Mack allein Schullehrer, hatte aber einen Gehülfen.

Wer die erhaltenen Rubel in dem vorgegebenen Zeitraum nicht zurückzahlen konnte, bedingt durch Krankheit, Vernichtung der Ernte durch Hagelschlag oder Heuschreckenplage, dem nahm man den Hof wieder ab und er be­kam eine Einwohnerstelle – Kleinhäuslerstelle - zugewiesen. - Auszug aus der 1. Chronik: „Im Jahre 1834 war in der Kolonie ein Hagelwetter, und fielen solche Hagelkörner, wo eins derselben nach 3 Tagen nach dem Hagel­wetter genau 1 Pfund wog.“  - Handwerker bekamen ebenfalls eine Einwohnerstelle. Der Weg auf die entlegenen Felder war sehr weit, daher trennten sich die Kolonisten 1823 durch Losentscheid. Sie teilten diese große zuge­wiesene Fläche und gründeten eine neue Kolonie, die sie Alt-Posttal nannten. Harte Jahre mit vielen Rückschlä­gen, Krankheiten und Seuchen mussten diese Kolonisten durchstehen. Sie ließen sich nicht entmutigen. Mit un­bändigem Arbeitswillen bewältigten sie den Aufbau ihrer Kolonie. Die Steppe musste von dem hohen Steppengras befreit und urbar gemacht werden zum Anbau für das Getreide und einige Jahre später zur  Anlage der Weinber­ge. Sie wurden hart gegen sich selbst und ihre Kinder, die sie zu schwerer Arbeit mit heranzogen. Man fuhr in Bessarabien nicht auf das Feld um es zu bearbeiten, sondern auf d`Stepp.

 

Die Wittenberger waren alle sehr gottesfürchtig und pietistisch. Ihr fester Glaube an Gott und die Hoffnung auf seine Güte und Hilfe bei ihrem Tun, schweißte diese Gemeinschaft zusammen. Sie standen zu ihrer Religion und ihrer Kirche, es gab keine separatistischen Bewegungen in Wittenberg wie in anderen Kolonien Bessarabiens. Man grüßte mit „Helf Gott", in diesem Gruß war von Anbeginn das Erbitten um Gottes Hilfe und Beistand in ih­rer großen Not enthalten.

Wittenberg war 2 km lang und 800 m breit. Die beiden mittleren Häuserreihen links und rechts des Flüsschens Kirgis, sind die Einwohnerhöfe – Handwerker und Kleinbauern.

1917/18, nach der russischen Revolution, sollten alle Deutschen in Bessarabien nach Sibirien abtransportiert werden. Unter den bolschewistischen Machthabern entstand der Zweifel ob der Verlässlichkeit der Deutschen gegenüber der neuen kommunistischen russischen Regierung. Ein strenger Winter mit sehr viel Schnee verhin­derte den Abtransport, bzw. den Transport zu den Bahnhöfen. Ein hoher rumänischer Militärbevollmächtigter be­setzte daraufhin Bessarabien und schloss die Grenze am Fluss Dnjester zu Russland. Von da an erhielten alle Deutschen in Bessarabien die rumänische Staatsbürgerschaft. Auch der Julianische Kalender wurde auf den Gre­gorianischen umgestellt, den viele Bewohner Bessarabiens nutzten. Daher entstand die Diskrepanz von 12 – 13 Tagen zwischen den Daten in den Taufregistern und den Daten in den Umsiedlungslisten von 1940.       

 

 

Die Wittenberger Kirche wurde 1866 bis 1869 erbaut und hatte 800 Sitzplätze. Im Kirchenschiff saßen rechts die Männer und links die Frauen. Auf der Empore war der Platz der Unverheirateten. Ebenso eingeteilt, rechts die jungen Männer und links die Mädchen. Der Kircheninnenraum mit den Bankreihen und der Empore waren ganz in weiß gestrichen.


 

So sieht die Kirche heute aus. Nach unserem Wegzug nahm man den Turm ab und nutzte das Kirchenschiff als „Kulturraum“. Heute ist darin die Schule untergebracht, nachdem die Schule ganz zerstört war.

 

 

Diese schöne zweistöckige Schule wurde 1882 erbaut. Im Erdgeschoss war rechts vom Eingang eine Lehrerwohnung eingerichtet. Diese musste wegen der großen Schülerzahl nach einigen Jahren aufgegeben werden für  neue Klassen- räume.


 

Der Zustand der einstigen schönen Schule 1989, 49 Jahre nach unserer Umsiedlung, sie ist dem Verfall preisgegeben. Dieses Bild und die Bilder in „Impressionen Wittenberg heute“ von 2006, stellte mir Armin Flaig aus Kempten für diese Homepage zur Verfügung.


Im Juni 1940 besetzten die Russen wieder Bessarabien. Stalin wollte das von den Rumänen annektierte Land wieder haben. So kam es, bedingt durch den Hitler-Stalin-Vertrag von 1939, zur Umsiedlung der Deutschen „Heim ins Reich“. Binnen vier Wochen, von September bis Oktober 1940, wurden 93 548 Deutsche in einer straff durchgeführten Umsiedlungsaktion der „SS“ aus Bessarabien herausgeholt. (BAK Bestand NS 19 Akte 2743, vom 01.07.1942).1366 Personen wurden 1940 aus Wit­tenberg umgesiedelt. Pro Person durfte 50 kg auf dem Wagen und 25 kg Handgepäck mitgenommen werden. Alles andere musste dort bleiben. Die Wittenberger Frauen, Kinder und alte Leute wurden am 24. September auf Lastwagen abtranspor­tiert. Die Männer und jüngeren Leute mussten bleiben, bis der großer Treck, der aus dem nördlichen Bessarabiens kam und in Wittenberg Station machen konnte zum Ausspannen, Versorgen und Erholung ihrer Pferde. Die Menschen benötigten eben­falls ein Nachtlager. Am 22. Oktober 1940 verließen die restlichen Wittenberger unsere Heimat, sie gehörten mit zu den letzten abziehenden Bewohnern Bessarabiens, um mit ihrem Treck Richtung Galatz an die Donau zu fahren. Nach dem Abladen des Gepäcks in Galatz, mussten die Wagen und die Pferde abgegeben werden. Zu der Trennung von der Heimat kam nun die Trennung von ihren Pferden, dass den Bauern sehr schwer fiel.

Der Weg unserer Umsiedlung ist in grün, die Flucht 1945 und Weiterwanderung ab 1951 ist in rot eingezeichnet

 

1940 führte unser Weg von Wittenberg mit den Lastwagen bis Galatz. Ab Galatz mit dem Schiff auf der Donau bis Prahowo/Jugoslawien – heute Serbien. Von dort mit der Bahn bis Traunstein/Bayern. Weiter mit der Bahn bis Lodz/Polen, und dann zur Ansiedlung 1941 rechts der Weichsel in Wengers Kreis Lipno.

 

Unser Fluchtweg im Januar 1945 führte über Gollub, Thorn, Bromberg, Schneidemühl, Deutsch Krone, Landsberg/Warthe, Pyritz, Stargart, Stettin, Schwerin bis Neuhaus/Elbe, das sind die markantesten Orte unseres Fluchtweges. Auf einem weite­ren Weg begaben wir uns in den 1950er Jahren dann nach Süddeutschland – Württemberg. In der Nähe von Ulm an der Do­nau sind wir jetzt daheim.

 

 

Nach der Schifffahrt auf der Donau fand unsere Unterbringung einige Tage im den großen Zeltlagern in Prahowo Jugoslawien statt vor dem Weitertransport mit der Bahn.

Bild: Heimatmuseum Stuttgart.


Ankunft Anfang Oktober 1940 in Traunstein Bayern. Im Pristerseminar- Gebäude wurden wir in großen Schlafsälen untergebracht. Mit Decken und Tüchern trennte man die Schlafplätze der einzelnen Familien. Gemeinsames Essen im großen Speisesaal, das uns nicht schmeckte, wir waren ein anderes Essen gewöhnt. Während des Aufenthaltes dort gingen die Kinder in den Kindergarten und in die Schule. Die Frauen waren in der Küche und in der Wäscherei beschäftigt. Die Männer bekamen Arbeit in Brauereien und anderen Betrieben in Traunstein.

 

 

Am Januar 1941 bekamen wir in Traunstein unsere Einbürgerungsurkunde ausgehändigt, die uns wieder als Deutsche Staatsbürger auswies. Deutsche waren wir ohnehin schon immer, bzw. wir sind es geblieben, trotz wechselnder Staatsbürgerschaften, die die Bewohner Bessarabiens annehmen mussten.

Die Umsiedlung habe ich bewusst erlebt, mit der Erinnerung an: Das Versammeln der Menschen mitten in der Nacht vor der Kirche, bei niedergedrückter Stimmung. Das Verteilen der Frauen, Kinder und alten Leute auf die Lastwagen. Das Körbchen mit Weintrauben, die unser Vater in aller Frühe für uns aus dem Weinberg holte und morgens an den Lastwagen zum Abschied brachte. Das Glockenleuten unter vielen Tränen beim Losfahren des Lastwagen Konvois morgens um 7 Uhr. Die Schifffahrt auf der Donau bis Prahowo, dem Aufenthalt in dem großen Zeltlager für die Umsiedler. Die Zugfahrt bis Traunstein in Bayern und Ankunft Anfang Oktober in das Umsiedlungslager des Priesterseminar-Gebäudes. Dort wurde ich 6 Jahre alt. Den weiteren Weg von Traunstein am 14. Februar 1941 bis Lodz, bzw. Tuschin in den Tuschiner Wald, in die Wochenendhaus Siedlung, und unsere Ansiedlung im späten Frühjahr 1941 in Wengers.

 

Mit vier Wittenberger Familien: Hehr, Necker, Nittel, Eberle und vier Beresinaer Familien: Nill, Herrmann, Wegenast und Tramnitzke. Meine Einschulung in Sitno und der lange Schulweg mit meinen Schulfreundinnen. Alle diese Vorgänge waren so neu für mich, dass diese heute noch wie ein Film vor meinen Augen ablaufen. Die Enttäuschung war groß, als wir nach Polen kamen und nicht ins „Reich“, wie versprochen. Dieser Ort wurde nie unsere Heimat. Das Unrecht, welches den Menschen dort zuge­fügt wurde, die ihre Höfe zwangsweise verlassen mussten um uns Deutsche aus Bessarabien auf diese Höfe zu setzen, war immer gegenwärtig in den Gesprächen unserer Eltern.

 

Noch bewusster habe ich als Zehnjährige die lange Flucht mit der Bahn und zu Fuß im bitterkalten Januar 1945 vor der Roten Armee in Richtung Westen erlebt. Durch einen unbeschreiblichen Leidensweg erreichten Millio­nen flüchtende Menschen aus dem Osten, darunter auch die Bessarabien-Deutschen, Nord- und Westdeutschland. Sehr viele wurden von den Rotarmisten eingeholt und kamen um, andere mussten zurück. Diese erlitten ein un­vorstellbares hartes Schicksal im Osten Russlands, in den Bergwerken und in Sibirien. Die Flucht der Bessarabi­en-Deutschen Bevölkerung endete im Norden Deutschlands, in Mecklenburg, Schleswig Holstein, Niedersachsen, auch Brandenburg, Thüringen und Sachsen. Viele wollten in die Urheimat ihrer Vorfahren nach Württemberg. Sie kamen mit großen organisierten Transporten 1946 per Bahn, mit ihren auf Güterwaggons verladenen Pferden und Wagen, in Süddeutschland an. Willkommen waren sie nirgends, aber sie konnten beweisen, dass sie anpa­cken konnten, dadurch schafften sie sich eine gewisse Anerkennung im Norden wie im Süden Deutschlands.

 

Dankbar bin ich, dass ich ausnahmslos meine schwäbischen Wurzeln gefunden habe. Eine große Hochachtung habe ich vor den Leistungen aller Wittenberger Kolonisten, die mit großem Pioniergeist, verbunden mit noch größeren Strapazen, in ihrer Wahlheimat am Schwarzen Meer einen Lebensraum geschaffen hatten, in dem wir ohne Not bis 1940 leben konnten.

 

1815 – 2015, 200 Jahre seit der Gründung - was würden die Gründer der Kolonie heute zu Wittenberg sagen, die sie einst in großer Not und Drangsal, doch mit viel Tatendrang und Aufopferung zu einem blühenden Dorf ge­schaffen hatten? Zu schmerzlich wäre für sie der Anblick des Dorfes heute - viele Tränen würden fließen.

 

Bild unten: Wittenberg - heute Maloyaroslavets' Pershyi, Ukraine - 58 Jahre nach unserer Umsiedlung.

Teilansicht von Wittenberg, im September 1998 von Erna Holzwarth , geb. Flaig, aufgenommen, Richtung Alt-Posttal. Links an der Kreuzstraße ist das Kirchenschiff mit abgenommenem Kirchturm zu erkennen, rechts davon die Schule ohne Dach. Heute steht von der einst schönen großen zweistöckigen Schule nichts mehr, außer einer Ruine.

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